Das Versteck im Uhrmacherhaus by Judith Janssen

Das Versteck im Uhrmacherhaus by Judith Janssen

Autor:Judith Janssen [Janssen, Judith]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783761562475
Herausgeber: Neukirchener Verlagsgesellschaft
veröffentlicht: 2015-01-15T00:00:00+00:00


15

Ein böser Brief

Henk lehnte sich an das hölzerne Treppengeländer, während Anna sich auf dem Flur die Jacke zuknöpfte. „Morgen muss ich meiner Mutter beim Waschen helfen, darum können wir uns nicht treffen, aber am Mittwoch geht es. Du kannst auch zu mir kommen, wenn du nicht auf Liese aufpassen musst.“

„Ich frage mal, gute Idee.“ Er hielt die Tür auf, und Anna nahm zögernd ihr Fahrrad. Sie schaute sich noch einmal um, ehe sie wegfuhr. „Ich find’s schön, dass wir Freunde sind“, sagte sie und schob sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.

Henk spürte, dass sein Herz einen kleinen Sprung machte. Er wollte so viel erwidern – dass er es auch schön fand, sogar mehr als schön – super, fantastisch. Dass sie für ihn das Licht in diesen dunklen Kriegstagen war und dass er sich am liebsten jeden Tag mit ihr treffen würde. Aber er konnte nur nicken und sie wie ein Schäfchen anstarren.

Er sah ihr nach und ging dann wieder ins Haus. Er blieb noch einen Augenblick an die Tür gelehnt im Flur stehen und träumte vor sich hin. „Ich glaube, ich bin verliebt“, flüsterte er, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln.

Mutters Stimme holte ihn aus seinen Träumen. Sie rief ihm von der Küche aus zu, dass er die Post aus dem Briefkasten holen solle. Sie hoffte natürlich auf einen Brief von Vater.

Er fasste in den Kasten neben der Haustür. Es war tatsächlich ein Brief darin. Während er die Klappe wieder schloss, schaute er auf die Vorderseite des Briefs. Sein Name stand darauf, mehr nicht.

„Interessant“, murmelte er. Vielleicht eine Nachricht von Jaap? Seine Finger zitterten ein bisschen, als er den Brief aufmachte. Hatte sein Freund es sich überlegt und hatte nun doch noch eine Aufgabe für ihn? Er brannte förmlich darauf, endlich etwas gegen den Feind zu tun! Er musste ja nicht unbedingt mit zu einem Überfall, es genügte ihm, wenn er nur irgendetwas machen konnte. Es wäre schon fantastisch, jemandem eine Nachricht zu überbringen.

Die Handschrift erkannte er nicht, der Brief in dem Umschlag war nicht von Jaap. Was war das? Seine Hände umklammerten das Papier, während sein Gehirn zu begreifen versuchte, was er las. „Unser Führer mag keine Behinderten. Das Dritte Reich braucht gesunde Menschen, keine Verrückten. Die gehören in ein Lager. Das kannst du Fräulein ten Boom ausrichten.“

Henks Augen glitten von der Küchentür, hinter der Liese war, zu dem Brief in seiner Hand und wieder zurück. Er schnappte nach Luft. Sein Herz klopfte in seiner Brust wie eine Lokomotive. Das musste Gerrits Werk sein, kein Zweifel. Er wollte den Brief zerknüllen, in den Ofen werfen, ihn verbrennen, so dass es war, als hätte es ihn nie gegeben. Aber er faltete ihn zusammen, langsam und beherrscht, drückte den Knick fest mit Daumen und Zeigefinger zusammen und schob ihn zurück in den Umschlag. Währenddessen überschlugen sich seine Gedanken. „Was kann ich tun, was wird passieren, was soll ich tun, was kann ich tun?“ Wie gelähmt blieb er stehen, ohne dass er einen Ausweg fand aus diesem Gedankenkarussell, aus diesem Problem.



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